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Die ganze Zeitung ein Depp…

Oktober 13, 2008

Heute geht, wie manche vielleicht wissen, die Uni wieder los. Nicht nur, dass meine Youtube-Orgien damit erstmal ein Ende gefunden haben, auch früheres Aufstehen ist wieder angesagt. Also Kaffee ins Getriebe und Zeitung aufgeschlagen. In meinem Fall die Süddeutsche Zeitung, über die ich mich nun kurz auslasse.
Zur vertiefenden Lektüre bezüglich dieses Zeitung gewordenen Ärgernisses empfehle ich den Artikel „Ist Zeitunglesen sexy?“ von Justus Wertmüller aus der Bahamas Nr. 52. Zurück zur heutigen SZ: zwei Artikel von Thorsten Schmitz, einem der Israelkritker des Blattes (neben Thomas Avenarius) fanden mein Interesse und lösten postwendend Unbehagen aus. Im „Hamas und Fatah wollen Streit beilegen“ schreibt Schmitz:

„Die 1987 gegründete Hamas, die in ihrem Statut die Zerstörung Israels fordert, hatte im vergangenen Jahr nach dem Scheitern der Koalitionsregierung die Macht im Gaza-Streifen an sich gerissen und sämtliche Sicherheitskräfte, die der Fatah angehörten, vertrieben, inhaftiert und zum Teil auch gefoltert.“

Während wir bezüglich des Gründungsjahres der Hamas mal nicht pingelig sein wollen, gibt es einen anderen Satzteil der verwundert. Vertreibung, Inhaftierung, Folter – das klingt für sich allein schlimm genug, jedoch hat Schmitz vergessen, zu erwähnen, was im Gazastreifen sonst noch so los war. Das der „Bruderkrieg“ auch Tote forderte, wie die SZ selbst berichtete, wäre ein nützliches Detail gewesen, dürfte diese Stufe der Auseinandersetzungen doch eine Einigung leicht erschweren.

Der zweite Artikel setzt sich mit den Auschreitungen in der israelischen Hafenstadt Acre auseinander, nicht ohne scheinbar beiläufig folgendes einzustreuen:
„Sowohl arabische Bewohner Akkos als auch die jüdischen sprachen am Sonntag von Pogromen.“

Der Grund, warum sich Schmitz für diesen Satz entschieden hat dürften weniger die (bestimmt unschönen) Zustände in Acre sein, als vielmehr der Antrieb, seiner linksdeutschen Leserschaft zu bestätigen, was diese über Israel schon immer wussten. Dass Juden nämlich auch Pogrome machen. Der Zusammenhang zwischen Israelkritik und Vergangenheitsbewältigung ist bereits an diversen anderen Stellen ausreichend erörtert worden, ich möchte hier darum bitten, sich die betreffenden Texte selbst zu suchen. Problematisch bei Schmitz und Avenarius ist nun, dass diese beiden in ihren Artikeln an vielen Stellen mit einer ekligen Form der Suggestion arbeiten. Wer die „kritische Leserschaft“ der SZ aus der Uni oder sonstwoher kennt, weiß, dass das, was die beiden vorsetzen, unreflektiert aufgenommen wird und seinen Zweck erfüllt.

Richtig übel an der SZ ist nun, das Artikel wie die beiden, die hier genannt wurden, nicht die Ausnahme, sondern die Regel in der Nahost-Berichterstattung des Blattes sind. Wenn Avenarius und Schmitz drunter steht, bürgt das für gehobene Israelkritik und garantiert, dass vom Hamas-Anschlag bis zum „Bruderkrieg“ Israel immer irgendwie mitschuld ist. Das geht mir auf den Geist und ist neben dem ekligen Sound, den das ganze Blatt hat, ein veritabler Grund, mich nach Ersatz umzusehen. Hat jemand einen Tip, welche Alternativen es tageszeitungstechnisch gibt? Ernstgemeinte Zuschriften bitte in die Kommentarbox. Merci beacoup.

the colawar

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7 Kommentare

  1. Es scheint fast, als sei dein justuesques Bedürfnis nach lesendem Konsum von antizionistischen und reformlinken Tageszeitungen ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Verbitterung, die doch den wahrhaften Kritiker und die wahrhafte Kritikerin auszeichnet. In deinem Streben nach einer anders gearteten Morgenlektüre empfehle ich dir, dich von NZZ und FR fernzuhalten, wenngleich deren Niveau doch ein höheres ist als das jenes Print-Erzeugnisses, dessen Sportteil und Magazin das einzig lesenswerte sind.
    Bedingungslose Affirmation und somit ein Ausbleiben des Schönlügens wie in den oben genannten Zeitungen findest du in der FAZ, deren Feuilleton zwar bedingungslos reaktionär, deren Politikteil allerdings sehr lesenswert ist.
    Als Alternative böte sich die Welt an, deren Nahost-Berichterstattung wohl am ehesten den von dir vertretenen Positionen nahekommen dürfte.


  2. danke für den hinweis. die faz wird wohl den zuschlag bekommen.

    grüße,

    the colawar


  3. Zur Verteidigung des hier viel beschimpften Schundblattes muss ich aber doch noch einmal anführen, dass dessen Feulleton mir die Jugend versüßt hat und, dass das möchtegern-linksliberale Elternhaus, dessen fester Bestandteil die SZ war, auch meine geistige Entwicklung eher gefördert hat. Aber das ist weitgehend Nostalgie…

    Und mein Jugendfreund SZ-Feulleton druckt doch nicht ganz solchen Quatsch, wie die Zeit letztens über die Generation, der ich wohl angehören mag. Dieser hier nicht verlinkte Artikel wurde seltsamerweise aber von den KollegInnen bei der Jungle World teilweise aufgegriffen, wie dieser Link verrät.

    Der Konsum vermeintlich netter bürgerlicher Medien ist bei KIR royal im Übrigen sehr verbreitet: Das KIR-royal-girl verbringt derzeit viele schweigsame Stunden untermalt von Deutschland Radio Kultur…


  4. Hier noch die 2 i, die oben fehlen, sorry: i i


  5. Hier noch der von KIR-Royal-Girl erwähnte Artikel:

    http://www.zeit.de/2008/36/Jugend-ohne-Charakter

    Ebenfalls großer Schund.


  6. Kir Royal Girls frühere Faszination fürs Feuilleton ist übrigens durchaus verständlich: heute hat Ulrich Beck (!) dort einen Artikel veröffentlicht, in welchem er Carl Schmitt, Foucault und Adorno erwähnt. Solcherlei verdichtetes Namedropping wird von mir natürlich gebührend abgefeiert! Chapeau!


  7. […] und Sarkasmus nicht zu provozieren und diesen Blog nicht ausschließlich mit Artikeln im Stil von „Die ganze Zeitung ein Depp“ zu füllen. Doch von Zeit zu Zeit ist es kaum möglich, diesem Schundblatt aus dem Weg zu gehen und […]



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